Neue Leitlinie mit „Meta-Algorithmus“ für Multimorbidität
Wer blickt noch durch, wenn multimorbide Patienten sich täglich mit einem Wust an Pillen und Problemen herumschlagen müssen? Die neue Fassung der Living Guideline zur Multimorbidität – Projektname: MULTImprove – soll nun helfen, die richtigen Prioritäten zu setzen. Unter anderem durch einen „Meta-Algorithmus“, der dem „Überwältigtsein“ von der Komplexität und Vielfalt der Problemlagen entgegenwirkt.
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Wer blickt noch durch, wenn multimorbide Patienten sich täglich mit einem Wust an Pillen herumschlagen müssen? (Symbolbild, KI-generiert)
Die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) aktualisierte Leitlinie richtet sich vornehmlich an in der hausärztlichen Versorgung tätige Ärztinnen und Ärzte (in erster Linie aus Allgemeinmedizin, Innerer Medizin und Geriatrie). Sie ist aber auch für die an der Versorgung der Patienten beteiligte Diabetologen, Kardiologen, Orthopäden, Chirurgen, Pneumologen, Psychiater, Psychotherapeuten oder Schmerztherapeuten relevant. Patientenzielgruppe sind multimorbide Patienten mit mindestens drei chronischen Erkrankungen und gegebenenfalls „komplexen psychosozialen Problemlagen“.
Ziele der Leitlinie
Ziele der Leitlinie sind laut DEGAM zum einen „die Verbesserung von patientenrelevanten Endpunkten wie […] Lebensqualität, […] Autonomie [...] und zum anderen die [...] Vermeidung von Morbidität z.B. durch Reduktion von Polypharmazie, Abwenden potenziell gefährlicher Verläufe, Optimierung der langfristigen Behandlungsstrategie [...]“. Auf „operationaler Ebene“ werden Hausärzte bei der Strukturierung von Konsultationen, der Wahrnehmung ihrer Koordinationsfunktionen und durch Hilfe bei spezifischen Fragestellungen (z.B. Medikamentenkompatibilität) unterstützt.
„Meta-Algorithmus“
Ein weiteres Ziel sei es, einen „Meta-Algorithmus“ anzubieten, der eine Strukturierung der Konsultation und die Priorisierung von Problemen ermöglicht und dadurch dem „Überwältigtsein“ von der Komplexität und Vielfalt der Problemlagen entgegenwirkt. Laut DEGAM beschreibt dieser Algorithmus einen „übergeordneten Denkprozess, der den ganzen Menschen im Blick hat“. Er zeige eine generalisierte Sicht auf die Situation des multimorbiden Patienten. Bereits beim „Einstieg“ werden laut DEGAM drei wesentliche Elemente der Patientensicht berücksichtigt und dabei gleichzeitig mit der erlebten Anamnese und den Patientenwünschen abgeglichen. „Die Entscheidungswege seien unabhängig von bestimmten einzelnen Krankheiten.“ Der abstrakte Algorithmus könne „mit den spezifischen Problemen eines einzelnen multimorbiden Patienten ,gefüllt’ werden. Er kann dann denk- und handlungsleitend sein und hilft, Entscheidungen und deren Begründungen transparent zu machen“.
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Der „Meta-Algorithmus“, der eine Strukturierung der Konsultation und die Priorisierung von Problemen ermöglichen soll.
Konkrete Empfehlungen (auszugsweise, im Wortlaut der Kurzversion)
Die patientenzentrierte Versorgung von [...] Patienten mit Multimorbidität beinhaltet eine intensive Patient-Arzt-Kommunikation und eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit gemeinsamer Definition von Zielen. [...] Eine Voraussetzung für die patientenzentrierte Kommunikation bei Multimorbidität ist eine klare, empathische, verständliche und direkte Sprache. Es sollte mit den Patientinnen und Patienten abgeklärt werden, ob und wie sie Vertrauenspersonen, inkl. Angehörige anderer Gesundheitsfachberufe, miteinbeziehen wollen. [...] Patienten mit Multimorbidität sollen nach ihren individuellen Bedürfnissen und Zielen, Behandlungspräferenzen und Gesundheitsprioritäten gefragt bzw. diese erfasst werden. Hierzu gehört vor allem die Klärung des Stellenwertes von:
- Erhalt der sozialen/wirtschaftlichen Rolle: in Berufs-/Arbeitstätigkeit, Teilnahme an sozialen Aktivitäten, Familienleben;
- Verhinderung von spezifischen Ereignissen (z. B. Schlaganfall);
- Minimierung von Medikamentennebenwirkungen;
- Verringerung der Belastung durch Behandlungen;
- Lebensverlängerung.
[...]
Zur Ermittlung der Belastung durch die Erkrankungen (Krankheitslast) soll [...] besprochen werden, in welchem Maße die Gesundheitsprobleme ihr tägliches Leben beeinflussen. Anzusprechen sind
- psychische Gesundheit,
- Interaktionen von Gesundheitsproblemen,
- Auswirkungen der Krankheitslast auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität.
[...]
Zur Ermittlung der Belastung durch die Behandlungen (Behandlungslast) soll [...] darüber gesprochen werden, in welchem Maße die Gesundheitsprobleme Auswirkungen auf ihr tägliches Leben haben können. Folgendes soll dafür eruiert werden:
- Anzahl und Art der medizinischen Termine, die wahrgenommen werden und wo diese stattfinden,
- Anzahl und Art der Medikamente, die eingenommen werden und die Häufigkeit der Einnahme,
- etwaige Nebenwirkungen durch Medikamente,
- nicht-medikamentöse Behandlungen wie Diäten, Bewegungsprogramme und psychologische Behandlungen,
- jegliche Auswirkung einer Behandlung auf die psychische Gesundheit oder Wohlbefinden.
Die Ressourcen der [...] Patienten [...] sollen evaluiert werden: z. B.
- Gesundheitskompetenz (Fähigkeit der Person, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, einzuschätzen und anzuwenden)
- Anpassungsstrategien,
- Lernkompetenzen,
- finanzielle Lage,
- Lebensbedingungen und
- soziale Unterstützung.
Patienten mit Multimorbidität sollen angemessen, offen und sachlich über die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, deren Interaktion mit den Erkrankungen sowie deren Einflüsse auf ihre Lebensqualität informiert werden. Zur Erreichung der gemeinsam vereinbarten Behandlungsziele soll u. a. beachtet werden:
- Möglichkeiten zur Maximierung des Nutzens bestehender Behandlungen,
- Behandlungen, die aufgrund eines begrenzten Nutzens eingestellt werden könnten,
- Behandlungen und Nachbehandlungen, die eine hohe Belastung darstellen,
- Medikamente mit erhöhtem Risiko für unerwünschte Ereignisse (z. B. Stürze, gastrointestinale Blutungen, akute Nierenschäden),
- Nicht-medikamentöse Behandlungen als mögliche Alternativen zu einigen Medikamenten,
- Maßnahmen, um medizinische Folgetermine zu koordinieren oder die Anzahl zu reduzieren.
Zur Leitlinie:
S3-Leitlinie Multimorbidität - Living Guideline (MULTImprove)
Neben der Langfassung der sind auch eine Kurzfassung (auf Deutsch und Englisch) und eine Patientenleitlinie („Menschen mit mehreren Krankheiten") verfügbar.