Oxytocin vor Fraktur-OP:

Kann das „Kuschelhormon“ Stressreaktionen verhindern?

Oxytocin ist für seine Rolle bei Schwangerschaft, Geburt und Partnerschaft bekannt. Doch es kann womöglich auch Stressreaktionen nach unfallbedingtem Trauma abfedern. Ergebnisse einer Studie mit Nasenspray, das präoperativ verabreicht wurde, fielen vielversprechend aus.

©Anela/peopleimages.com/stock.adobe.com Stress pur: Eine Notfallsituation kann auch eine PTSD verursachen (Symbolbild).

Eine Notfalloperation nach unfallbedingten Frakturen kann für Betroffene eine erhebliche Stressreaktion auslösen, die bis hin zur akuten Stressstörung (Acute Stress Disorder, ASD) reicht. Diese wiederum gilt als Risikofaktor für eine spätere posttraumatische Belastungsstörung. Wirksame medikamentöse Strategien zur Prävention fehlen bislang weitgehend.

Oxytocin ist ein im Hypothalamus gebildetes Neuropeptid, das neben seiner Rolle bei Schwangerschaft und Geburt auch die Stressreaktion beeinflusst. Durch Dämpfung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und die Wirkung auf die Amygdala könnten Angstreaktionen und autonome Erregung abnehmen. 

Präoperativ Oxytocin vs. Kochsalzlösung 

Eine prospektive, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, die in JAMA Internal Medicine publiziert wurde, untersuchte deshalb, ob intranasales Oxytocin das Auftreten einer wahrscheinlichen akuten Stressstörung nach einer traumabedingten Frakturoperation verhindern kann. Zwischen April 2024 und April 2025 wurden 328 Erwachsene in die chinesische Studie eingeschlossen. Sie erhielten zehn Minuten vor der Narkoseeinleitung entweder einmalig 40 IE Oxytocin intranasal oder eine entsprechende Menge Kochsalzlösung.

Als primärer Endpunkt galt das Auftreten eines positiven Screeningergebnisses innerhalb der ersten drei postoperativen Tage. Dieses lag bei einem Wert von mindestens 40 Punkten im Stanford Acute Stress Reaction Questionnaire vor.

Oxytocin halbiert das Risiko einer Stressreaktion

In der Oxytocin-Gruppe erfüllten 26 von 164 Patienten (15,9 %) die Kriterien für eine wahrscheinliche akute Stressstörung. In der Placebogruppe waren es 50 von 164 Patienten (30,5 %). Die absolute Risikodifferenz betrug 14,6 Prozentpunkte, das relative Risiko lag bei 0,52. Damit war das Risiko eines positiven Screeningergebnisses unter Oxytocin relativ um rund 48 Prozent reduziert. Ob die Intervention tatsächlich langfristig vor einer PTBS schützt, blieb jedoch offen.

Auch bei den psychologischen Begleitparametern zeigten sich erste positive Wirkungen. Die akuten Stresssymptome waren über den gesamten Beobachtungszeitraum geringer ausgeprägt, Verbesserungen von Angst- und Depressionssymptomen zeigten sich erst zu späteren Zeitpunkten.

Die Speichelanalysen lieferten dazu passende, aber explorative Hinweise: Unter Oxytocin waren die Malondialdehyd- und Cortisolwerte an allen drei postoperativen Tagen niedriger. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf.

Präventiver Ansatz mit weiterem Forschungsbedarf

Die Autoren schlussfolgern, dass eine einmalige präoperative Gabe von intranasalem Oxytocin das Risiko akuter Stresssymptome nach traumabedingten Frakturoperationen verringern könnte. Allerdings handelte es sich um eine Studie an einem einzelnen Zentrum. Zudem erfasste der primäre Endpunkt eine wahrscheinliche akute Stressstörung anhand eines Screenings und keine abschließend klinisch diagnostizierte Erkrankung.

Ob der beobachtete Effekt langfristig anhält und tatsächlich spätere posttraumatische Belastungsstörungen verhindert, bleibt aber offen, betonen die Wissenschaftler. Sie empfehlen, die zugrunde liegenden Mechanismen und die langfristige Sicherheit in weiteren Studien zu untersuchen.

 

Originalpublikation:
Huang Q, Wen Y, Li Q, et al. Preoperative Intranasal Oxytocin and Probable Acute Stress Disorder After Traumatic Fracture Surgery: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. Published online October 26, 2026. doi:10.1001/jamainternmed.2026.5326

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