Riskanter Trend

Testosteron für Frauen boomt in den USA

Immer mehr Frauen in den USA lassen sich Testosteron verschreiben, um Beschwerden in den Wechseljahren zu lindern. Doch während die Wirksamkeit bei bestimmten sexuellen Funktionsstörungen belegt ist, fehlen für zahlreiche andere Hoffnungen belastbare Nachweise. Auch die langfristige Sicherheit einer solchen Hormontherapie ist bislang unzureichend untersucht, wie ein aktueller News-Beitrag im Fachjournal JAMA verdeutlicht.

©angellodeco / stock.adobe.com Testosteron besitzt bei postmenopausalen Frauen mit hypoaktiver sexueller Luststörung einen nachgewiesenen, allerdings begrenzten therapeutischen Nutzen.

Die Verschreibung von Testosteron an Frauen hat sich in den USA innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdreifacht. Besonders häufig erhalten Frauen mittleren Alters entsprechende Präparate. Allerdings existiere in den Vereinigten Staaten bislang kein speziell für Frauen zugelassenes Testosteronpräparat. Stattdessen werden für Männer entwickelte Präparate außerhalb ihrer Zulassung oder individuell hergestellte Rezepturen verwendet, schreibt Kate Schweitzer in ihrem Beitrag.

Angesichts dieser Entwicklung veranstaltete die US-Arzneimittelbehörde FDA im September 2026 einen Workshop, um die wissenschaftliche Evidenz und mögliche Zulassungswege auch für eine Testosterontherapie bei Frauen näher zu diskutieren.

Nachgewiesener Nutzen bei sexueller Unlust

Die beste wissenschaftliche Evidenz bestehe aktuell für die Behandlung der hypoaktiven sexuellen Luststörung (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD) bei postmenopausalen Frauen. Kennzeichnend sei hierfür ein anhaltend vermindertes sexuelles Verlangen, das mit erheblichem persönlichem Leidensdruck einhergehe.

Randomisierte, placebokontrollierte Studien zeigten zuvor, dass Testosteron in physiologischer Dosierung die sexuelle Funktion verbessern könne. Dazu gehörten insbesondere sexuelles Verlangen, Erregung und Orgasmusfähigkeit. Dieser Nutzen werde auch in einer internationalen Konsensusempfehlung aus dem Jahr 2019 anerkannt, die von mehr als einem Dutzend medizinischer Fachgesellschaften unterstützt wird.

Allerdings fallen die Behandlungseffekte nach Einschätzung der australischen Hormonforscherin Susan Davis von der Monash University insgesamt moderat aus. Zudem sprechen nicht alle Frauen mit vermindertem sexuellem Verlangen auf eine Testosterontherapie an, so Schweitzer weiter.

Immer wieder werde deshalb die Bedeutung einer sorgfältigen Diagnostik hervorgehoben. Partnerschaftskonflikte, chronische Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr könnten ebenfalls die sexuelle Lust beeinträchtigen. Ein bestimmter Testosteronwert, anhand dessen sich eine HSDD diagnostizieren ließe, existiere allerdings nicht. Ebenso fehle ein wissenschaftlich validierter Grenzwert zur Definition eines Testosteronmangels bei Frauen.

Keine überzeugenden Belege für weitere Vorteile

Deutlich schwächer sei die Evidenz für andere häufig beworbene Wirkungen der Hormontherapie. Dazu zählten eine verbesserte Gedächtnisleistung, eine günstigere Stimmungslage sowie positive Effekte auf Muskulatur, Knochen und das Herz-Kreislauf-System.

In einer von Davis und Kollegen durchgeführten Untersuchung zur kognitiven Leistungsfähigkeit zeigte sich lediglich beim verbalen Erinnerungsvermögen ein statistisch signifikanter Vorteil. Die Teilnehmerinnen konnten durchschnittlich 1,57 zusätzliche Wörter wiedergeben. Verbesserungen der exekutiven Funktionen, des räumlichen Denkens oder der numerischen Fähigkeiten blieben hingegen aus.

Auch für den Schutz vor altersbedingtem Muskelabbau fehlen bislang überzeugende Nachweise. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2019 fand keine relevanten muskuloskelettalen Verbesserungen. Vorläufige Ergebnisse der PAMELA-Studie zeigten zudem ebenfalls weder einen signifikanten Effekt auf die Muskelkraft der unteren Extremitäten noch Unterschiede bei Handkraft und statischem Gleichgewicht.

Ob Testosteron die Knochengesundheit verbessern könne, sei ebenfalls ungeklärt, schreibt Schweitzer. Erste Ergebnisse einer kleinen Untersuchung deuteten zwar auf eine höhere Knochendichte der Lendenwirbelsäule bei zusätzlicher Testosterongabe zur Östrogentherapie hin. Für klinische Empfehlungen reiche die bisherige Datenlage jedoch längst nicht aus.

Langfristige Sicherheit weiterhin unklar

Ein wesentliches Problem stellt aber vor allem die begrenzte Datenlage zur Langzeitsicherheit dar. In klinischen Studien, in denen die Testosteronkonzentrationen innerhalb des physiologischen Bereichs prämenopausaler Frauen gehalten wurden, zeigte sich keine Zunahme schwerwiegender unerwünschter Ereignisse.

Zu den beobachteten Nebenwirkungen gehörten Akne und verstärkte Gesichts- beziehungsweise Körperbehaarung. Frauen mit Brustkrebs in der Vorgeschichte oder einem hohen kardiovaskulären Risiko waren allerdings in den Studien meist nicht vertreten.

Hinzu komme, dass die meisten klinischen Untersuchungen höchstens zwei Jahre dauerten. Damit ließen sich mögliche langfristige Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System nicht zuverlässig beurteilen. Beobachtungsstudien, die niedrige Testosteronspiegel mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko in Verbindung bringen, erlaubten zudem keine Rückschlüsse auf einen präventiven Nutzen der Hormongabe.

Forderung nach gezielten Zulassungen

Trotz der bestehenden Unsicherheiten sprechen sich mehrere Fachärzrtinnen und -ärzte für die Entwicklung und Zulassung eines speziell auf Frauen abgestimmten Testosteronpräparats aus. Eine standardisierte Formulierung könnte die Dosierung erleichtern, Überdosierungen vermeiden und die Durchführung größerer klinischer Studien unterstützen.

Entscheidend sei jedoch, die Zulassung zunächst auf eine wissenschaftlich ausreichend belegte Indikation zu beschränken. Eine generelle Anwendung zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden oder zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit lasse sich aus der bisherigen Evidenz nicht ableiten.

Fazit

Testosteron besitzt bei postmenopausalen Frauen mit hypoaktiver sexueller Luststörung einen nachgewiesenen, allerdings begrenzten therapeutischen Nutzen. Für zahlreiche weitere erhoffte Wirkungen fehlen bislang überzeugende klinische Daten.

Eine speziell für Frauen entwickelte und zugelassene Therapie könnte die Behandlung sicherer und besser kontrollierbar machen. Voraussetzung dafür bleiben jedoch belastbare Erkenntnisse zur langfristigen Wirksamkeit und Sicherheit.

 

Originalpublikation: Schweitzer K. Testosterone Use Rises Among Women, but Does the Evidence Support It? JAMA 2026. doi: 10.1001/jama.2026.18998

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