Belastungsinkontinenz

Gezieltes Beckenboden­training schlägt Pilates

Pilates soll nicht nur die Rumpfmuskulatur kräftigen, sondern auch den Beckenboden stärken. Doch reicht das Training aus, um eine Belastungsinkontinenz wirksam zu behandeln? Eine randomisierte Studie verglich Pilates mit und ohne bewusste Beckenbodenanspannung mit einem gezielten Beckenbodentraining.

©Mangostar/stock.adobe.com Gezielte Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur gehören zur konservativen Behandlung der Belastungsinkontinenz (Symbolbild).

Bei einer Belastungsinkontinenz kommt es insbesondere beim Husten, Niesen, Lachen oder bei körperlicher Anstrengung zu unwillkürlichem Urinverlust. Als konservative Behandlung der ersten Wahl gilt ein gezieltes Beckenbodenmuskeltraining. Daneben werden zunehmend auch alternative Bewegungsprogramme wie Pilates eingesetzt, die durch eine Aktivierung der Rumpf- und Beckenbodenmuskulatur ebenfalls positive Effekte auf die Kontinenz haben sollen.

Forschende der brasilianischen Universidade Federal de Uberlândia untersuchten nun, ob Pilates mit oder ohne bewusste Beckenbodenkontraktion vergleichbare Ergebnisse erzielen kann wie ein spezifisches Beckenbodenmuskeltraining. Die randomisierte kontrollierte Studie wurde im International Urogynecology Journal veröffentlicht.

Drei Trainingsprogramme über sechs Wochen verglichen

In die Studie wurden 105 Frauen über 18 Jahren mit Belastungsinkontinenz eingeschlossen, die zuvor keine Physiotherapie zur Behandlung ihrer Inkontinenz erhalten hatten. Die Teilnehmerinnen wurden gleichmäßig auf drei Gruppen verteilt und absolvierten über sechs Wochen jeweils zwölf physiotherapeutisch angeleitete Trainingseinheiten.

Eine Gruppe absolvierte ein Pilatesprogramm ohne besondere Anweisungen zur Aktivierung des Beckenbodens. In der zweiten Gruppe führten die Frauen dieselben Übungen durch, wurden jedoch angewiesen, den Beckenboden während der Ausatmung bewusst anzuspannen. Die dritte Gruppe erhielt ein spezifisches Beckenbodentraining, bei dem die Frauen ihre Beckenbodenmuskulatur wiederholt möglichst kräftig anspannen sollten und die Dauer der Anspannung schrittweise gesteigert wurde.

Als primären Endpunkt untersuchten die Forschenden die subjektive Beeinträchtigung durch die Inkontinenz, erfasst mit dem International Consultation on Incontinence Questionnaire – Short Form (ICIQ-SF). Der Fragebogen bewertet Häufigkeit und Ausmaß des Urinverlusts sowie dessen Auswirkungen auf den Alltag. Ergänzend wurden die Muskelkraft des Beckenbodens mittels vaginaler Palpation und der vaginale Kontraktionsdruck untersucht, wobei die Untersuchenden die Gruppenzuteilung nicht kannten.

Beckenbodentraining führte zu einer deutlich stärkeren Verbesserung

Nach sechs Wochen zeigte sich in allen drei Gruppen eine Verbesserung der untersuchten Parameter. In der Gruppe mit dem spezifischen Beckenbodenmuskeltraining waren die Effekte jedoch deutlich ausgeprägter.

Die Frauen mit Beckenbodentraining berichteten über eine stärkere Abnahme ihrer Inkontinenzbeschwerden. Im standardisierten Fragebogen verbesserte sich der Wert im Mittel um 4,4 Punkte, während er in beiden Gruppen mit Pilatestraining lediglich um jeweils 0,7 Punkte zurückging. Nur das gezielte Beckenbodentraining erreichte damit eine Veränderung, die über der festgelegten Schwelle für eine klinisch relevante Verbesserung lag.

Ebenso verbesserten sich die Muskelkraft des Beckenbodens und der vaginale Kontraktionsdruck unter dem spezifischen Training stärker als bei den Frauen, die die beiden Pilatesprogramme absolviert hatten.

Zwischen den Pilatesgruppen zeigte sich dagegen nur ein begrenzter Unterschied: Die zusätzliche bewusste Beckenbodenkontraktion führte zu einer stärkeren Zunahme der Muskelkraft, nicht jedoch zu einer stärkeren Abnahme der Inkontinenzbeschwerden oder einem höheren vaginalen Kontraktionsdruck.

Gezielte Muskelaktivierung könnte entscheidend sein

Die Autoren vermuten, dass sich die Überlegenheit des spezifischen Beckenbodentrainings durch dessen gezielte Ausrichtung auf die betroffene Muskulatur erklären lässt. Während bei Pilates zahlreiche Muskelgruppen gleichzeitig beansprucht werden, ermögliche das strukturierte Beckenbodentraining wiederholte maximale Kontraktionen mit kontrollierter Steigerung der Belastung.

Als weitere mögliche Erklärung führen die Autoren an, dass eine verbale Aufforderung zur Beckenbodenanspannung während komplexer Bewegungsabläufe allein möglicherweise nicht ausreicht, um eine vergleichbare Trainingswirkung zu erzielen.

Aussagekraft durch kurze Studiendauer begrenzt

Zu den Limitationen der Studie gehören die relativ kleine Stichprobe und die kurze Beobachtungsdauer. Ob die Unterschiede auch langfristig bestehen bleiben, lässt sich daher nicht beurteilen. Auch wurde die tatsächliche Aktivierung der Beckenbodenmuskulatur während der Pilatesübungen nicht objektiv gemessen.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Pilates zwar zur Linderung von Inkontinenzbeschwerden beitragen kann, ein spezifisches Beckenbodenmuskeltraining jedoch nicht ersetzen sollte, wenn eine möglichst deutliche Verbesserung der Muskelkraft und der Beschwerden angestrebt wird.
 

Originalpublikation: Borges FA et al. Pelvic Floor Muscle Training Outperforms Pilates in Women with Stress Urinary Incontinence: A Randomized Controlled Trial. International Urogynecology Journal. 2026. DOI: 10.1007/s00192-026-06900-4

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